Oktober 2012 bis Dezember 2013

Bildungsgeschichtliche Überlieferung der Nachkriegszeit online

Im Projekt RetroPro des DIE wurde von Oktober 2012 bis Dezember 2013 der erste Teil von Weiterbildungsprogrammen des repräsentativen Samples deutscher Volkshochschulen in digitale Faksimiles umgesetzt. Unterstützt wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Mit dem neuen digitalen Archiv ist der erste Schritt getan, Längsschnittanalysen von 1957 bis heute mit geringerem Aufwand zu ermöglichen. Die Programme stehen hier zur Recherche bereit.

Ausgangslage

Das wachsende Interesse an Programmforschung zeigt sich daran, dass sich die Publikationszahl aus dem Feld seit den 1980er-Jahren verdreifacht hat. Im Juli 2010 bestätigte eine Fokuskonferenz mit Programmforschenden aus zehn Einrichtungen den Bedarf, dass der Quellentypus „Volkshochschulprogramm“ zugänglicher sein muss.

Volkshochschul-Programme unterliegen keiner flächendeckenden und durchgängigen Sammelpflicht seitens der übrigen Bibliotheks- und Archivlandschaft. Das DIE macht als wissenschaftliche Infrastruktureinrichtung archivalische Überlieferung im Besonderen für die bildungshistorische Forschung zugänglich. Seit 1957 war es eine Daueraufgabe des Instituts, die Programmpläne aller deutschen Volkshochschulen zu sammeln. So erreicht das Programmarchiv für etwa 1650 Volkshochschulstellen bis ins Jahr 2003 eine hohe Vollständigkeit der Sammlung.

Seit 2004 sammelt das DIE ausschließlich die Programme von fünfzig Volkshochschulen in elektronischer Form und stellt diese im „Online-Archiv“ zur Verfügung. Die fünfzig Volkshochschulen sind ein bewährtes repräsentatives Sample der deutschen Volkshochschullandschaft.

Perspektive

Ziel des Projektes RetroPro ist es, die vorhandene digitale Überlieferung rückwirkend um die gedruckte Sammlung von Programmen der Volkshochschulen im Sample und deren Vorläufer mit dem Kernbereich von 1957–2003 digital zu ergänzen, zu erschließen und zugänglich zu machen.

Mit dem Projekt RetroPro wurde eine Forschungsumgebung zur Programmplananalyse geschaffen, die ortsunabhängig stattfinden kann, dadurch zeit- und ressourcensparend ist. Es besteht ein komprimierter Zugang für die Weiterbildungsprogrammforschung. Die Vernetzung der Ressource ermöglicht die breite Nutzung durch Forscherkreise anderer Disziplinen. Die diversifizierte Datenbasis wird die Programmforschung beleben.

Im Bereich „VHS-Programmarchiv / Retrodigitalisate (bis 2003)“ wird der im Projekt RetroPro bearbeitete Bestand beschrieben.

Die Daten eigenen sich für statistische wie qualitative Untersuchungen. Längsschnittanalysen sind nun einfacher umzusetzen. Die Datenqualität erlaubt Analysen der gesamten Textfläche sowie ästhetische Zugänge.

Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Nutzen ist der Bestandsschutz. Die teilweise von Papierzerfall bedrohten Originale müssen für die allgemeine Nutzung nicht mehr belastet werden.

Im DIE wurden mit dem Projekt Kompetenzen im Bereich Digitalisierung und „(Linked-)Open-Data“ entwickelt.

Umsetzung

Von den fünfzig Volkshochschulen im Sample haben 41 der Digitalisierung und Veröffentlichung zugestimmt, davon zwei Volkshochschulen ausschließlich zur Nutzung durch Programmforscher (s.a. „VHS-Programmarchiv / Retrodigitalisate (bis 2003)“).

Bis zum 31.12.2013 hat das DIE gemeinsam mit zwei externen Dienstleistern etwa die Hälfte des Materials aus dem Sample als 1:1-Faksimile digitalisiert. Alle Dokumente wurden (systemübergreifend) sachlich und formal erschlossen. Zudem wurde Farbdokumentation betrieben. Die Menge enthält im Kern je Volkshochschule dreißig Programme ausgehend von der Gründung. Das älteste digitalisierte Programm stammt von 1946.

Lücken im DIE-Archiv konnten mit freundlicher Unterstützung durch die Volkshochschulen und lokalen Archive digital geschlossen werden.

Beispiel aus dem Programm-Archiv: Formulierung des Zieles der Volkshochschul-Arbeit in Gevelsberg 1953/1954: ‚... Helfer und Wegweiser sein. Selbstloser Helfer aus dem Grunde, weil mancher Mensch einer echten Lebenshilfe bedarf. Sie zu bieten, ist eine der vornehmsten Aufgaben der Volkshochschule, hier und an jedem ändern Ort. ...‘

Die Projektarbeit lief zusammengefasst wie folgt ab:

  1. Ausheben aus dem DIE-Programmarchiv und Akquise von fehlenden Programmen, Feststellung von Genealogien
  2. Anpassen der internen Datenbank
  3. Erschließung in einem Massenverfahren mit zwei Schwerpunkten: Spezifika der Programmforschung und Verwendbarkeit in anderen Kontexten
  4. Digitalisierung auf Flachbett- und Auflicht-Scannern, Ausgabe in verschiedenen Bildformaten und Volltexterkennung
  5. Digitale Archivierung, Registrierung bei der da|ra, Registrierungsagentur für Sozial- und Wirtschaftsdaten
  6. Bereitstellen der Metadaten als „Open-“ und „Linked-Open-Data“
  7. Erstellung eines Retrievaltools

Nutzung

Alle Ergebnisse des Projektes sind – bis auf wenige Ausnahmen – im Open-Access veröffentlicht. Die Dokumente können als PDF mit Volltext heruntergeladen werden oder im DFG-Viewer betrachtet werden. Die Volltexte stehen außerdem als Textdateien bereit, 1:1-Abbilder als Bilddateien.

Sowohl die Digitalisate als auch die Erschließungsdaten werden auf der DIE-Website dargestellt und sind dort recherchierbar. Dafür steht eine googleske One-slot-Recherchemaske auf Basis von „Solr/Lucene“ bereit. Rechercheergebnisse können durch Facettierung verfeinert werden.

Beispiel aus dem Programm-Archiv: Formulierung des Zieles der Volkshochschul-Arbeit in Leipzig 1951: ‚... erfordert von der deutschen Bevölkerung ein entwickeltes demokratisches, patriotisches Bewußtsein, erfordert politische Stärke, gesellschaftliche Aktivität und hohes fachliches Können. Wir wollen durch unseren Unterricht dazu beitragen, diese Forderung zu erfüllen. ...‘

Lineare Zugänge ermöglichen Browsing nach den sammlungsspezifischen Ansätzen „Bundesland“, „Einzugsbereich“, „Zeitraum“ und „Kreistyp“, also der Struktur des Einzugsbereiches. Die Programme, die in der Genealogie einer Volkshochschule entstanden sind, werden gebündelt.

Ein besonderes Analysetool ist die graphische Darstellung von N-Grammen.

Die Daten stehen als „(Linked-)Open-Data“ unter anderem via „Open Archives Initiative – Protocol for Metadata Harvesting (OAI-PMH)“ zum Harvesting bereit. Über jede urhebende Volkshochschule liegen „Resource Description Framework (RDF)“-Dateien vor, die zur Gemeinsamen Normdatei verknüpfen. Die Programmhefte stellen sich in „Metadata Encoding & Transmission Standard/Metadata Object Description Schema“ (METS/MODS) dar. „Digital Object Identifier (DOI)“ und beständige „Uniform Resource Locator (URL)“ für alle Elemente stellen die langfristige Erreichbarkeit sicher. Die Digitalisate sind also auch in anderen Retrievalumgebungen nutzbar.

Die Dokumente sind dafür optimiert, von Suchmaschinen indexiert zu werden.

Alle Daten werden auf einem Server gespeichert, der Bitstream-Preservation gewährleistet. Nutzerinnen und Nutzer können die Datenkonsistenz mit Prüfsummen kontrollieren.

Ausblick

In einem zweiten Projekt werden die restlichen Volkshochschulprogramme bis 2003 verfügbar gemacht.

Das Retrieval-Tool soll unter Rückkopplung mit dem Feld der Bildungsforschung – u.a. mit einer Synonymsuche – weiterentwickelt werden.

Zur Sicherung der Digitalisate muss eine umfassende Strategie zur Langzeitarchivierung entwickelt werden.

Beispiel aus dem Programm-Archiv: Formulierung des Zieles der Volkshochschul-Arbeit in Wiesbaden 1947: ‚... nicht nur praktisches Wissen ..., sondern - und darauf wird das Hauptgewicht gelegt - dem schaffenden Menschen aller Stände Gelegenheit zu geben, sein Denken zu schulen ... seinen Charakter zu bilden. ...‘

Weiterführendes

Für Fragen steht Ihnen Dr. Peter Brandt, Abteilungsleiter Forschungsinfrastrukturen gerne zur Verfügung.

Das VHS-Programmarchiv des DIE wird im Buch „Brogiato, H.-P. u.a. (Hg.) (2011): Forschen, reisen, entdecken. Lebenswelten in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft. Halle (Saale)“ anhand von Programmen der VHS Tübingen dargestellt.

Eine Einführung in die Programmforschung und eine ausführliche Bibliographie finden Sie unter dem Punkt „Programmforschung“.

Rahmen

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE)

Infrastrukturbereich
Abteilung Forschungsinfrastrukturen 
Website

Ansprechpartner

Dr. Peter Brandt (Komm. Abteilungsleitung Forschungsinfrastrukturen)

Jochen Freyberg (Programmierung)

Johannes Reuter (Sachbearbeitung)

Förderung

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Förderprogramm „Wissenschaftliche Literaturversorgungs- und Informationssysteme (LIS)“

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft

Letzte Änderung: 07/05/2017